Es gibt Romane über Kreuzberg, über Berlin Mitte und Prenzlauer Berg. Aber über die alte City West Berlin rund um Ku'damm und Zoo nicht, meint RadioFRITZ
Stimmt so natürlich nicht, verwiesen sei hier neben den allseits bekannten Abenteuern Herrn Lehmanns von Sven Regener nur auf Herbert Beckmanns bereits im Jahr 2000 entstandene - zur Zeit leider vergriffene - überaus lesenswerte Erinnerungsreise in eine versunkene Stadt "Atlantis Westberlin" (Links-Verlag).
Doch worum geht es auf den 500 Seiten von Tanja Dückers, gebürtige West-Berlinerin neuem West-Berlin Roman Hausers Zimmer? Die Autorin, Jahrgang 1968(!) und gebürtige West-Berlinerin, sollte dank der Gnade der noch rechtzeitigen Geburt über die hinreichende Kompetenz verfügen, nicht nur von dieser Zeit zu erzählen, sondern auch die Schilderungen einem Publikum zu vermitteln, wie sie es in der Nachbarschaft ihres seit geraumer Zeit selbst gewählten Ostberliner Bionade-Biotops vorfindet, dessen Bewohner sich größtenteils aus zugezogenen Grünspießern aus der westdeutschen Provinz rekrutieren, Stichwort Stuttgartisierung. Zum Inhalt noch einmal die RadioFRITZen:
"Julika ist 14 Jahre alt. Sie wohnt mit ihrem älteren Bruder und ihren intellektuellen Öko-Eltern in einer Altbauwohnung in Ku'damm-Nähe. Die ist ein riesiges Labyrinth aus Zimmern und Fluren. Alle vollgestopft mit Kunst. Ihre Eltern lassen sich schön Alt-Hippie-mäßig Wiebke und Klaus statt Mama und Papa nennen und begeistern sich für die neue Umweltpartei.
Julika hat keinen Bock auf ihre tussigen Mitschülerinnen, ihre einzigen Freundinnen wohnen im gleichen Haus. Am liebsten träumt sie sich aber ins ferne Patagonien und beobachtet ihren Rocker-Nachbarn von gegenüber."
Textprobe gefällig? Bitte sehr:
"Ich schlurfte ans Fenster, hob vorsichtig die Gardine und blickte auf das erleuchtete Fenster vom Hauser. Der Hauser saß auf seinem Bett und knipste sich, wie es aussah, die Zehennägel ab. Jetzt war der andere Fuß an der Reihe. Am Ende fegte er einmal mit der Hand übers Laken. Dann schnappte er sich die Fernbedienung und wechselte vom ersten ins zweite Programm. Schließlich drehte er sich weg und zog sich die Decke über den Kopf. Das Licht blieb an, der Fernseher blieb an. Einfach das Licht anzulassen bedeutete für The Wiebkes and The Klauses fast eine Todsünde. Einer dieser Energiespar-Aufkleber prangte nicht nur an meiner Zimmertür, sondern auch an unserem Kühlschrank – der allerdings, weil er sich nicht mehr regulieren ließ, immer auf Hochtouren lief."
Falls Appetit auf mehr bekommen, dann kann man sich auf der Leseprobenseite des Schöffling-Verlags weiter einlesen - oder der Autorin zuhören:
Das Auditorium der versammelten Rezensenten zeigt sich überwiegend gnädig gestimmt. Anke Breitmeier (dapd) ist gleich zu widersprechen, dass es sich hierbei um DEN West-Berlin Roman handele. So wenig, wie es DAS West-Berlin gab, so wenig kann es das allumfassende Kompendium dazu in Romanform geben. Dafür war die Zwei-Millionen-Teilstadt mit Mauer drumrum einfach zu gegensätzlich wie vielseitig. Genau hierin liegt aber das Problem von Dückers Romankonzeption. t Gerrit Bartels (Tagesspiegel) und Matthias Wulff (Berliner Morgenpost) wittern einen ultimativen West-Berlin Roman immerhin des Jahres 1982, also mit Peep-Show, Ratten, Popper, Lorettas Garten, Wit-Boy, in dem die Autorin charmant, locker und nachdenklich von der angeblich so rauhen Mauerstadt erzählt. Andreas Montag von der Frankfurter Rundschau gefällt, dass der Roman schlecht in eine Schublade passt. Aber auch wenn das Buch mit viel Humor geschrieben ist, beschert es dem Leser nicht mehr als nur immer wieder neue Einzelheiten über die immer gleichen Schauplätze, wie Irina Liebmann für die Literarische Welt feststellt. Die große und zentrale Frage bleibt jedoch, ob Peter Hauser als Protagonist tatsächlich eine Metapher für Westberlin und Julika Zürn die Chronistin ist, was Annett Gröschner (Literaturen) auszumachen glaubt. Daran anknüpfend bliebe zu zeigen, ob neben unvermeidlichem 80er Jahre Spezialitäten wie Chipsletten und Ahoj Brause, Neue Deutsche Welle und Neonohrringe, Bleibtreustraße und Kurfürstendamm, [...] Grips-Theater, Anti-Atomkraft-Sticker und Eddingstifte (Christina Mohr, culturmag.de) typische West-Berliner Zutaten wie Punks und Kreuzberger Kiez, Kalter Krieg und Inseldasein den darin angelegten Kontrast sichtbar machen, also ob bürgerliche Welten und anarchisches Potenzial (Christoph Schröder, Journal Frankfurt) unbedingt drin sein müssen, die dieses bunte soziale Biotop bevölkerten, in dem sich Lebenskünstler, Aussteiger, Wehrdienstverweigerer, Obdachlose, linke Akademiker und sonstige experimentierfreudige Angehörige der 68er Generation tummeln (Brigitte Preissler, Börsenblatt). Hausers Zimmer ist insofern die Bühne für den Alltag vor der Wende, also dieses heute nur noch schwer nachzuvollziehende wie geistig zu erfassende Leben mit Poppern und Punks, Bürgerstein und Anarchie, mondän und provinziell - geschildert aus heutiger Sicht (RadioEins). Aber was bleibt von diesem West-Berliner Alltag des Jahres 1982 zwischen Römertopf, hochpolitischen Diskussionen am Frühstückstisch, Joseph Beuys' Lied SONNE STATT REAGAN und Nachmittagen, an denen gemeinsam Care-Pakete für Polen-Kinder gepackt werden (WDR EinsLive)?
Hören wir dazu Tanja Dückers am besten im RadioEins-Interview:
Gelegentlich vermischt sich die Erinnerung anachronistisch mit Beobachtungen aus der sich gern als Neues Berlin stilisierenden Hauptstadt des wiedervereinigten Merkel-Deutschlands:
Was das Bürgertum wohl sein soll, wenn es Menschen wie Klaus ausschloss? Mir kam es vor allem wie ein zutiefst altmodischer Begriff vor. Es gab, wie mir schien, doch kaum verlässliche Unterscheidungskriterien zwischen Arbeiterschaft, Bürgertum, Unternehmen und so weiter. Vor mir verschwamm das Eis, bald war es nur noch ein gelbroter Brei, eine organgefarbene Soße. Alles eine Soße. Proleten, Olks, also Kunstproleten, Bürger, Bürgerproleten wie die Pechs, Spezialbürger wie Klaus. Ich löffelte mein Eis auf.
So gesehen ist die Wahl des Jahres 1982 als Zeit der Handlung ebenso sinnvoll wie konsequent:
"Es war eine Zeit, in der von Wende und Mauerfall nun noch überhaupt nichts zu spüren war. Es war die kälteste Zeit im Kalten Krieg. Es schien so, als würde das niemals aufhören. Mich interessiert diese Zwischenzeit, diese Zeit, als Deutschland für immer geteilt zu sein schien. Und in dem Jahr fand der Machtwechsel in Bonn statt und der ewige Kohl nahm die Geschäfte auf. Damit waren die siebziger Jahre beendet." (Tanja Dückers, Berliner Morgenpost, 21. März 2011)
Genau diese Sichtweise ist es, die nicht unbedingt stört, aber verstörend wirkt - und man sich dann doch unweigerlich fragt, was der über zehn Jahre herausgearbeitete Roman - vordergründig zweifellos eine große West-Berlin Chronik des Jahres 1982 - eigentlich sein soll.
Christina Mohr muss es vermutlich ähnlich gegangen sein, wenn sie kritisiert:
"Vieles in „Hausers Zimmer“ wirkt konstruiert, als hätten verschiedene Details unbedingt untergebracht werden müssen, weil der Autorin sonst entscheidende Teile zum 80er-Jahre-Puzzle gefehlt hätten. Die ständig durch den Hinterhof dröhnende 'Polonäse Blankenese' zum Beispiel oder die allgegenwärtigen Ratten, die Julikas Berlin schier aufzufressen drohen. Oder die konkurrierenden Hinterhofkünstler Herr Olk und Herr Kanz, die ihre dilettantischen Werke im Hof ausstellen. Und dann die vielen Toten, die es zweifelsohne gab, hintereinander notiert, wirkt es grotesk, wenn 'The Wiebkes and the Klauses' (Julikas und Falks Spitzname für die Eltern) in schier endloser Agonie die verstorbenen Breschnew, Peter Weiss, Rainer Werner Fassbinder etc.pp. betrauern und darüber die Bedürfnisse ihrer Kinder vergessen. Häufig verfällt Dückers in klischeehafte Beschreibungen, obwohl sie eine äußerst genaue Beobachterin und Chronistin ist: Röcke 'wallen' oder 'rascheln' grundsätzlich, der alte Scirocco 'klappert' bei höherer Geschwindigkeit, die Eltern wollen sich mit Vornamen anreden lassen, zum braunen Emaille-Teeservice gehören selbstverständlich Räucherstäbchen. Das mag im Einzelfall stimmig sein, in der Ballung ist es manchmal zu viel des Guten und Bekannten."
Die Stadt als heimlicher Hauptprotagonist funktioniert für das in jeder Hinsicht seltsame Gebilde der Halbstadt nicht. West-Berlin war als "Drittes Deutschland" eben gerade nicht die Summe seiner Teile - und vor allem war es nicht "arm, aber sexy", sondern bequem, aber besonders:
"West-Berlin war als politisches Konstrukt gefährdet. Das wäre über Jahrzehnte hinweg einfach nicht mehr gut gegangen. Es hat sich allerdings auch zum Schlechteren gewandelt, weil die Stadt früher viel mehr etwas Besonderes war als heute."
(Tanja Dückers, Berliner Morgenpost, 21. März 2011)
Das besondere Vergnügen, das der Roman bereiten kann, liegt also weniger darin, ihn als West-Berlin Roman, sondern vielleicht als so genannte coming of age-Erzählung zu lesen - auch wenn der Kontrast Intellektuellenkind/Prolet [...] zwar ersichtlich ist, aber Julikas Liebe zum langhaarigen Rocker [...] Konstrukt bleibt:
"Der Leser begleitet Julika während eines Jahres und erlebt mit, wie sie in dieser Zeit einen grossen Entwicklungsschritt mitmacht. So kann sie sich am Schluss auch von ihrer Teenie-Obsession lösen. Irgendwann lädt Nachbar Hauser sie dann nämlich doch zu sich ein. Dabei bricht, wen überrascht es, Julikas Obsession auf einen Schlag zusammen und sie realisiert, dass sie Opfer einer Illusion geworden ist. Hauser und Draufgänger? Von wegen! Auch die Tapete mit dem Sonnenuntergang wirkt auf einmal nur noch fad und peinlich. Der Leser hingegen bleibt verzaubert zurück und verlässt nur ungern den Mikrokosmos von Julikas Familie."
- Stephan Sigg, nahaufnahmen.ch
Denn wie wenig von dieser schönen Zeit, als die Welt noch in Ordnung war, geblieben ist, verdeutlicht ein Spaziergang mit Tanja Dückers zu den Schauplätzen des Romans im Jahr 2010. Im Unterschied zum gesamtdeutschen Berlin von heute war der Westteil der Stadt damals ein Ort des heimeligen Sich-Einrichtens in Nischen, in denen trotzdem (fast) alles möglich schien. Keineswegs sollte dies so, wie es Peter Mohr zu erkennen glaubt, verstanden werden, als hätte die bunte, anarchische Mischung in der West-Berliner Bevölkerung [...] kurz vor dem Zerfall gestanden. Dafür war man in der Teilstadt doch einfach zu bequem, flüchtete sich meistens in die merkwürdige Mentalität einer angeborenen oder angeeigneten "uns kann keener"-Schutzfassade, hinter der sich dann eine kaum für möglich gehaltene lethargische Introvertiertheit verbarg.
Was bleibt als Fazit übrig?
"Es war eine bizarre, bedrückende Zeit. Man hat diese unterschwellige Bedrohung in West-Berlin zu wohnen doch wahrgenommen. Ich hatte schon Angst. [...] Die Ästhetik war kühler, aggressiver. Es war eine sehr andere Zeit. Ich habe heute beinahe den Eindruck, in Berlin ist die Temperatur auch wärmer geworden, als wenn jemand eine Heizlampe über der Stadt angedreht hätte."
(Tanja Dückers, Berliner Morgenpost, 21. März 2011)
Nun ja, die Erinnerung des Blogisten, der nicht weit entfernt von Hausers Hinterhofzimmer in der Bleibtreustraße aufwuchs, fühlt sich anders an: Sicher bekam man diese unterschwellige Bedrohung des politischen Schwebezustands mit, jedoch war der Status der "Frontstadt" des Westens durchaus geeignet, sich in dieser Nische gemütlich einzurichten oder - oft auch noch gleichzeitig - versuchen, seine Träume zu verwirklichen. Das Mauerbiotop bleibt schwer zu beschreiben, zu erfassen, zu begreifen. Was die kühle, aggressive Ästhetik angeht, mag das oberflächlich betrachtet schon zutreffen, hinter der abweisenden Fassade verbarg sich aber nicht selten eine eigentümliche Verletzlichkeit. Außerdem empfand der Autor dieser Zeilen den Umgang der Menschen trotz des vorhandenen sozialen Sprengstoffpotenzials (stellvertretend seien Hausbesetzer und Reaktion genannt) paradoxerweise wesentlich entspannter als in der Hypecity des Neuen Berlin; die alltägliche Erträglichkeit des Seins war im Alltag die Regel, nicht die Ausnahme. Vielleicht war das auch der Grund, warum der Blogist in den Neunzigern nie die Lust verspürt hatte, wie die Autorin den Ostteil zu entdecken - und meistens nur genervt von den zugezogenen Pseudos war, die meinten, ihre alternativen Spießerträume zwischen Bornholmer Straße und Boxhagener Platz ausleben zu müssen - und nebenbei binnen eines Jahrzehnts die angestammte Ostbevölkerung gentrifizierend zu verjagen, den Mieten des Neuen Berlin sei Dank! Dafür darf es im parallel dazu betriebenen politischen Feldzug gegen den Westen jetzt auch ein bisschen aussehen wie im ehemaligen Ostsektor, denn:
"Es gibt noch die Orte: Der Kudamm, Bahnhof Zoo, Funkturm, ICC. Aber es ist doch eine Degradierung West-Berlins, dass das Zentrum heute im Osten liegt. Das Kräfteverhältnis hat sich verschoben. Der Osten ist viel schicker, viel moderner als der Westen. Im Grunde skurril."
(Tanja Dückers, Berliner Morgenpost, 21. März 2011)
Wie beschränkt verprenzlt das entmauerte Großberlin des 21. Jahrhunderts aus Sicht der Zugezogenen der letzten beiden Dekaden sein kann, verdeutlicht vielleicht nichts besser als die kleingeistigen Worte der Bergbewohnerin Brigitte Preissler (ja, die vom Börsenblatt von oben), für die - natürlich - der untergegangene Westen die vielleicht altmodischsten Gegenden dieser Stadt ist, um nebenbei gleich noch alle Vorurteile der Latte Macchiato schlürfenden Besserwessis der kinderreichen Kastanienallee-Bohème zu bestätigen. Entscheidend war nicht, ob man auch im Osten, sondern dass man der Westen war. Wenn etwas im Atlantis West-Berlin verzichtbar gewesen war, dann derartige selbsternannte Intellektuellenspießer, welche die wiedervereinigte Stadt seit den Neunzigern des vergangenen Jahrhunderts heimsuchen, denn die waren als Paralleltypus der kleinbürgerlichen West-Berliner Provinzposse im Spektrum zwischen Wilmersdorfer Witwen und Laubenpiepern bereits in ausreichendem Maße vorhanden. Paradoxerweise war das eingemauerte West-Berlin trotzdem oder gerade deswegen ein heute mythischer Ort, der mehr Weite vor allem in den Köpfen besaß, als engstirnige Wendewessis - mittlerweile beinahe schon in zweiter Generation - aus Prenzlauer Berg, Mitte oder Friedrichshain heute überhaupt imstande sind, sich vorzustellen.
Tanja Dückers: Hausers Zimmer. Schöffling, 496 Seiten, 24,95 Euro.

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